The „Se7en“-and-„The-Sixth-Sense“-Effect

Kommt es nur mir so vor, oder hat sich die allgemeine Erzählstruktur von Big-Budget-A-Movies in den letzten Jahren geändert?

Um zu beschreiben was ich meine, muss ich über einige Filme sprechen, von denen ich über das
Ende erzählen werde (Spoilerwarnung). Angefangen hat es meiner Wahrnehmung nach, mit dem
Film „Se7en“ (SIEBEN). Der Film verbreitete sich damals im Freundeskreis über Mundpropaganda:

„Du musst Dir unbedingt diesen Film anschauen, aber ich kann Dir nicht sagen, worum es geht, sonst verrate ich zuviel“.

Ich war von dem Film absolut begeistert. Die Regie, die Stimmung, die Komposition,

das geschickte Drehbuch, die Schauspieler – alles großartig. Und natürlich das Herzklopf-Finale,

das man in der Form und Intensität so noch nicht im Kino gesehen hatte.

Natürlich gab es auch vor „Se7en“ schon Filme mit überraschendem Ende:

PSYCHO„, das Original von „PLANET DER AFFEN„, ja selbst „STAR WARS  – The Empire Strikes back„. Aber irgendwie waren diese Randerscheinungen, die Erzählstruktur aus dem Theater, blieb im Kino weitestgehend erhalten.

Fast zeitgleich mit „Se7en“ war auch „The Usual Suspects“ (Die üblichen Verdächtigen) im Kino, der allerdings weniger erfolgreich war, aber auf Video/DVD ein Hit wurde.
Wenige Jahre nach „Sieben“ und „Die üblichen Verdächtigen“ (1997) kam „THE GAME„, ebenfalls von David Fincher. Ebenfalls wieder mit einem überraschenden Ende.

Dann war erst einmal eine Zeit Ruhe, bis sich der selbe Regisseur und ein unbekannter Regisseur mit indischen Wurzeln sich an ein ähnliches Filmfinale wagten: THE SIXTH SENSE und FIGHT CLUB.

Twist Endings

THE SIXTH SENSE„: Ein großartiger und gruseliger Suspense Horror-Thriller mit einem Knall am Ende.
Gedreht vom dadurch bekannt gewordenen M. Night Shyamalan, der auch im Film den Doktor spielt,
zu dem die Mutter geht. Wenige Monate nach Sixth Sense (08-1999) startete FIGHT CLUB (10-1999)
von David Fincher, der auch SIEBEN gedreht hatte. Und auch hier gab es ein überraschendes Ende.

Twist Endings

Und je mehr andere Filme ich sehe, umso mehr finde ich, daß ein Plottwist am Ende ein großes Problem darstellt.
Sicher, ich finde es auch überragend im Kino am Ende eines guten Films, noch einen WTF-Moment auf
den Nachhauseweg zu bekommen. Aber die Halbwertzeit des Streifens wird verkürzt, denn man erinnert
sich zu stark an das Ende und diese überschattet die gesamte Erinnerung an den Film. Man verliert
darum auch oft die Lust einen Film nochmals zu sehen. Das trifft für mich nicht für die drei oben
genannten Filme zu, aber gerade die „Trittbrettfahrer-Filme“ haben mit diesem Problem zu kämpfen.
Und natürlich auch die Regisseure selbst. Oder wie fandet ihr die nachfolgenden M. Night Shyamalan’s
Filme „Unbreakable„, „Signs„, „The Village“ oder  „The Happening“? Fandet ihr sie auch nur
„…naja hatte schon irgendwie was, aber nochmal gucken will ichs nicht“? Im letzgenannten Film hat der
Regisseur schon versucht das WTF-Ende ein bißchen herunterzuschrauben. Hier wurde dann aber dann
umso deutlicher, daß der restliche Film auch nichts taugt.

David Fincher löste sich nach und nach von dieser Erzählweise und zeigte mit Panic Room und Zodiac
zwei leider nur mäßige Filme (auf der Fincher Skala). Mit dem überhypten und
Soap-Opera-gleichen-und-trotzdem-oscarnominierten, bis-jetzt-Tiefpunkt-der-Fincher-Karriere
The Curious Case of Benjamin Button hat er sich endgültig von seinen Erfolgen der 90’er entfernt.

Mittlerweile hat diese Erzählweise des „möglichst-originellen-und-unerwarteten-Endes“ viel Einfluß
auf die Popkultur genommen. In vielen Filmen wird das versucht und es gelingt häufig eher schlecht als
recht. Auch in TV Serien ist dies zu beobachen, wenn insbesondere am Ende einer Season ein
Cliffhanger zur nächsten geschlagen werden soll. Manchmal kann es einem die Lust auf die nächste
Season sehr vermiesen. So wie gestern geschehen beim Staffelfinale der 6. Staffel von Dr. House,
siehe mein spoilerfreier Tweet.

Aber nicht nur in Kinofilmen und TV Serien ist das der Fall. Auch in Büchern beobachte ich immer mehr
das Phänomen, daß ich keine Lust mehr habe, bestimmte Bücher nochmal zu lesen, weil der Plottwist am
Ende, die ganze vorherige Erzählung innerhalb des Buches abwertet oder ad-absurdum führt.
Gab es diese Bücher, Filme, Serien vorher schon in der Anzahl und es ist mir nur nie aufgefallen,
oder suche ich mir vielleicht nur unbewusst immer wieder diese Sachen aus?

In der Sneak sehen wir oft Filme aus kleineren Produktionen, die sich nicht an aktuelle Erzählstrukturen
halten. Das ist immer sehr angenehm und hier fällt es richtig auf, wenn es keinen spektakulären
Endkampf gibt, wie in den Blockbustern. Ich glaube die WTF-Plottwists am Ende haben die Popkultur
ziemlich versaut. Waren sie anfangs noch cool und und neu, so ist es mittlerweile Standard,
sich für den Schluß noch etwas besonderes aufzuheben. Die Spoilergefahr erhöht sich, weil man nur
noch bestimmte Dinge aus dem Film erzählen kann, damit man niemandem den Schlussknall verrät.
Achnee liebe Regisseure, macht doch nicht alle das gleiche. Ihr seht doch, daß immer der Erfolg hat,
der sich von der Masse mit etwas besonderem abhebt. Und wenn alle End-Twists machen,
dann ist es doch nichts besonderes mehr….in dem Sinne beende ich diesen Blogeintrag ohne Knaller. 🙂

5 thoughts on “The „Se7en“-and-„The-Sixth-Sense“-Effect”
  1. Schöner Eintrag – mehr davon . Komischerweise geht es mir da ganz anders, wenn so ein „Plottwist“ im Film auftaucht, schaue ich ihn mir gerade nochmal an, mit dem Wissen des Ausgangs und da wird ganz oft manches viel eindeutiger und verständlicher. Wahrscheinlich suchst Du Dir wirklich extra solche Bücher und Filme aus, ganz ganz oft ist das Ende doch schon vorhersehbar – deswegen finde ich es oft gut, wenn es mal kein gutes Ende oder ein ganz überraschendes Ende nimmt, auch wenn man dann erstmal dasitzt und HÄ ? sagt. Schöne Pfingsten !

  2. Wie siehst du denn dann die Filme „The Prestige“ (2006) und „Shutter Island“ (2010). Beide haben einen Megaplotttwist am Ende und beide haben mir gut gefallen.

  3. @Dobby Ich sage ja nicht, daß sie mir nicht gefallen, es stört mich mittlerweile nur, daß bei jedem größeren spannenden Film, ein Plotwist am Ende ist.

  4. der verfasser dieses blogeintrages hat offensichtlich keine ausgeprägten filmgeschichtlichen kenntnisse. dieser „trend“ lässt sich schon in die stummfilmära verfolgen. hitchcocksches zurückhalten der wahrheit bis zum schluss…nur eine randerscheinung? herrje… offensichtlich sind dem verfasser nicht mal klassische kriminalfilme der 40er, giallos oder selbst die hounted house-filme der 60er und 70er ein begriff. ich schüttele wütend speiend den kopf über diese unwissenheit und hoffe auf besserung.

  5. @lalalulatsch Warum schreibst Du nicht unter Deinem richtigen Namen? Vielleicht habe ich den Unterschied, den ich zeigen wollte, nicht ganz herausgearbeitet. Du hast natürlich vollkommen recht, daß es dieses erzählerische Stilmittel schon viel früher gab und auch bei den von dir genannten ist das der Fall. Mein Eindruck war, daß dieses Stilmittel länger nicht verwendet wurde und dann plötzlich wellenartig ins Kino schwappte und jetzt versucht wird, vielen Mainstreamfilmen, irgendwie einen WTF-Moment ans Ende zu basteln. Dies gelingt mal besser und mal schlechter.

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